Empty pink and golden vintage sofa © Iwona Wawro

Sofaweitergabe und die dusselige Filterblase

Wann immer ich kann, arbeite ich eine Leseliste ab, auf der alles steht, wozu ich nicht gekommen bin. Wenn das mit der Sammlung interessanter Texte so weiter geht, dann werde ich die zwei Angebots-Wochen für ein SZ-Probeabo komplett frei nehmen müssen – die bräuchte ich nämlich, um alle Links abzuarbeiten.

Gerade lese ich einen erschütternden Bericht über den Brandanschlag von Solingen. Die Werbung funkt und blinkt an der Seite. Halb aufmerksam spricht mein Gehirn beim Lesen über den Brandanschlag den blinkenden Text mit:

„Diese Sofas sind pure Gemütlichkeit“.

Äh … was?

Gut, die Filterblase ist kein fühlendes Wesen. Es kann ihr herzlich egal sein, ob eine Werbung zum Text passt oder nicht. Nicht egal sollte ihr sein, dass sie so tut, als ob sie meine Filterblase wäre. Ist sie aber nicht. Sonst wüsste sie, dass ich mich nicht für Sofas interessiere. Ich bin eine der wenigen Deutschen, die kein Sofa haben und auch keins haben wollen. Wann immer eins in meinem Besitz gelandet ist, habe ich es schnell weitergegeben.

Diese Nicht-Sofasache geht noch viel tiefer. Darüber bin nämlich mal definiert worden – glücklicherweise zu meinen Gunsten. Ein nicht-deutscher Freund hatte mir nachträglich von seiner leisen Furcht beim Erstbetreten meiner Wohnung berichtet. Furcht davor, dass er sich wider Erwarten doch in mir getäuscht haben könnte und ein Sofa sowie einen Fernseher dort vorfinden würde. Hat er aber nicht.

Es gibt natürlich auch andere Kriterien, nach denen man Menschen beurteilen kann.

Trotzdem ist es eine schöne Idee, die Leute zur Abwechslung mal anhand dessen zu beschreiben, was sie alles nicht sind. Aus dem, was übrig bleibt, entsteht dann eine neue Form. Und vielleicht ist die am Ende sogar stimmiger als das bisherige Bild. Selbst gezeichnete Hände sehen auch echter aus, wenn zuerst die dunklen Zwischenräume gemalt wurden, nicht die Finger selber.

Zurück zur Filterblase

Es ist noch viel schlimmer als schlimm, sie weiß einfach so gar nichts über mich. Wie will sie mir denn bloß was verkaufen? Wahrscheinlich weiß sie nur, dass ich ein Mensch bin. Deshalb denkt sie auch, dass ich blinkende Bilder mit Handlungsaufforderung brauche.

Der Mensch muss durch Bild und Text gesagt bekommen, wie der nächste Schritt geht – sonst tut er ihn nicht.

Alle kennen den Grund dafür: Die Welt ist zu wirr geworden. Sie ist mit zu vielen Informationen gespickt und die Leute senden dauernd noch mehr Informationen zu den Informationen. Der Strom erlaubt es so gerade eben noch, etwas zu sehen, schnell zu verstehen und ja oder nein zu sagen. Gerade eben noch! Aber das dazwischen … vergleichen, wirken lassen, zurücktreten und mal ein bisschen die Spannung von Widersprüchen auszuhalten, ohne gleich aus den Latschen zu kippen … das ist zuviel. Das muss raus. Her mit den call-to-actions, her mit den Memes!

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Am Ende eines Artikels über die Waldbrände in Brandenburg fand ich eine Liste von Anweisungen. Darin stand, wie sich die Anwohner verhalten sollten. Es wurde nachdrücklich darauf hingewiesen, die Feuerwehrleute bei den Löscharbeiten nicht zu behindern.

Ja.
Wir brauchen das.

Wir brauchen den Hinweis, Feuerwehrleute beim Brandlöschen nicht zu stören.

Sonst würden wir das nämlich tun.

Wir würden mit dem Auto vorbei wollen und ungeduldig hupen. Wir würden nervige Fragen stellen: „Können Sie noch ein kleines Stückchen zur Seite rücken? Ich krieg das Bild sonst nicht drauf. – Wo kriegt man so einen Helm? Der würde mir auch gut stehen. – Haben Sie heute Abend noch was vor?“

Brandenburgische Wälder brennen auch deshalb lichterloh, weil sie gar keine Wälder sind, sondern Kiefern Monokulturen. Ich lese: Experten raten zu Mischwäldern.

Ach, guck, dazu hatte ich auch schon mal geraten. Gibt ja viele Gründe. Meine Nachricht kam nicht an, denn der Zeitpunkt war falsch: Ich hatte es vor den Waldbränden gesagt, nicht während. Letzteres wäre viel anschaulicher gewesen. Und anschaulich muss es sein, denn seeing ist believing. (Smelling geht auch). Macht aber alles nichts, denn nach dem Brand ist der Boden voller Nährstoffe: Bereit für einen echten Wald – falls der da wachsen darf.

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So, hier kommt jetzt ein ausgleichendes Meme. Eins, wo der Text nicht zum Bild passt und das trotzdem richtig aussieht. Um Widersprüche aushalten zu üben.
Sogar mit call to action!

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